Beispiele für emotioalen Missbrauch
Ich liste hier ein paar Beispiele auf, wie emotionaler Missbrauch oder emotionale Misshandlung an Kindern ablaufen kann. Natürlich ist die Liste nicht vollständig - es gibt noch mehr "Spielarten" - aber es kann als erster Einblick dienen.


Überzogene Erwartungen


Der Missbraucher stellt große Erwartungen an den Missbrauchten, die ungerecht sind, oder unerfüllbar.
Zum Beispiel die Erwartung immer seine Aufmerksamkeit zu haben, oder dass der andere seine ganze Zeit nur mit ihm verbringt.
Eltern können von ihren Kindern perfekte Leistungen verlangen in Schule, Sport, auch was Aussehen und Umgangsformen angeht.
Es kann von einem Kind auch erwartet werden, dass es eine Erwachsenenrolle einnimmt, z.B. Haushalt führt und auf die Geschwister aufpasst als "Ersatzmama".
Aber selbst wenn man ab und zu schafft die Erwartungen kurzzeitig zu erfüllen, unterm Strich ist man nie gut genug. Man wird also immer wieder kritisiert oder betraft, weil man es nicht schafft die Bedürfnisse des anderen zu erfüllen und ihn immer wieder enttäuschen muss.

Das Opfer wird sich immer unter Druck fühlen, immer in Sorge die Erwartungen zu erfüllen. Da es aber nie gut genug sein kann, wird es mit der Zeit Schuld- und Schamgefühle bekommen, und schlecht von sich denken, da es die Eltern immer so enttäuschen und verletzen muss.


Verbale Angriffe


Zum einen sind das "schlichte" Beleidigunen:
Das eigene Kind wird als Schlampe, als Dreckssau oder Schwächling bezeichnet.
Es wird immer wiederholt, es sei dumm, hässlich, fett, faul, böse, unzuverlässig, schlampig... etc....
Aber auch Ironie, Sarkasmus, Lächerlich machen, die Fehler des Kindes übertreiben
Besonders perfide ist das öffentliche Bloßstellen: Das Kind und seine Fehler werden vorgeführt. Dem Kind peinliche Situationen werden zum Beispiel übertrieben nacherzählt. Er werden Witze auf Kosten des Kindes gemacht.

Das alles sind "nur" Worte, aber sie brennen sich mit der Zeit in das Gehirn des Kindes ein (und es bleibt selten bei einer einmaligen Wiederholung, meist ist man jahrelang dieser Behandlung ausgesetzt), bis es seine Selbstsicherheit völlig verliert.


Bedürfnisse missachten


Das ist ein großes Kapitel. Die Bedürfnisse des Kindes nach zum Beispiel Privatsphäre, Trost, Zuwendung, Kontakten, Entfaltung, und vieles mehr werden missachtet.
Beispiele:
- Missachtung der Privatsphäre: Tagebuch des Kindes wird gelesen. Briefe geöffnet, Telefonate belauscht. Das Kind hat keine Rückzugmöglichkeit, kann sich also nie sicher sein, ob es nicht beim spielen / umziehen / oder gar z.B. Sex mit Freund(in) "ertappt" wird.
In einem Beispiel auf der englischen Seite, die ich dazu gelesen habe, ist der Vater immer reingeplatzt, wenn der Sohn mit seiner Freundin schlafen wollte. Der Vater hat sich nicht etwa entschuldigt, sondern stellte die Versuche seines Sohnes doch irgendwie unbemerkt und in Ruhe sich mit seiner Freundin zu beschäftigen als persönlichen Affront dar - es ist sein Haus, also darf ihn keiner irgendwo aussperren.
- Trost: Auch das ist ein Beispiel von der englischen Seite (die ist übrigens bei Links verlinkt!): Ein 12-jähriges Mädchen geht zu ihrem Vater und sagt "mir ist so nach weinen zumute". Der Vater tröstet sie nicht, berührt sie nicht und wendet sich ihr nicht zu, sondern sagt "dann heul doch"
- Kontakte: Dem Kind wird verwehrt zu Freunden zu gehen, oder Freunde dürfen nicht kommen.
- Entfaltung: Dem Kind wird verboten bestimmte Dinge zu tun, die ihm Spaß machen, z.B. malen. Oder es wird verboten traurige Lieder zu singen. An der Entfaltung hindern bedeutet auch das Kind auf ein unnötiges Abhängigkeitsniveau zu halten - z.B. kein Hausschlüssel, kein Taschengeld, kein Recht Geräte in der Küche zu bedienen etc - so dass ein 15-jähriges Kind auf dem Niveau eines Kleinkindes bleiben muss und keine Selbständigkeit erlernen darf.
- Aufmerksamkeit: Was das Kind sagt wird überhört, ignoriert, es wird so getan als wäre es nicht da.

... es gibt noch viel mehr menschliche Bedürfnisse, die alle missachtet werden können.
Dabei wird das alles aber nicht als Strafe betrachtet, sondern als Selbstverständlichkeit, als gutes Recht der Eltern, so zu handeln. So glaubt das Kind es wäre ein Fehler von ihm selbst z.B. ein Tagebuch zu führen und der Mutter so Informationen zu verwehren.
Eine einmalige Missachtung mag auszuhalten sein, aber die Kinder werden jahrelang so missachtet.
Das Kind erkennt es manchmal nicht als Missachtung, sondern denkt, dass die Eltern das Recht dazu haben ihm das zu verwehren.


Dominieren


Egal was der andere will, der Missbraucher wird seinen Willen durchsetzen. So kann die Mutter durchsetzen, was das Kind anzieht, was es isst, wen es treffen darf, bis hin zu wann es aufs Klo darf, wen es mögen darf, wann es sprechen darf, wie sein Tagesablauf ist, womit es sich beschäftigt.
Es ist nicht leicht einen Menschen vollständig zu dominieren, da Menschen immer ein Schlupfloch suchen, eine Möglichkeit doch noch seine Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. Aber wenn man genug Zeit hat, und das Machtgefälle groß genug ist (wie bei Eltern-Kind der Fall ist), kann man große Teile vom Leben eines anderen kontrollieren.

Das Opfer wird sich im Nachhinein immer wieder fragen, und sich vor anderen rechtfertigen müssen, warum es sich das hat gefallen lassen. Die Kinder wachsen mit dem Bewusstsein auf, dass sie schwach, beeinflussbar sind und sich nicht wehren können, nicht auf eigenen Füßen stehen.

Unberechenbarkeit



Starke Stimmungsschwankungen, Wutausbrüche, unvorhersehbare Reaktionen. Es ist sehr anstrengend unter jemanden zu leben, der unberechenbar ist.
Ein Kind, das weiß, dass es mit Hausarrest, oder mit ausschimpfen, oder sogar mit einer Ohrfeige (was auch nicht gut ist) bestraft werden wird, wenn es zu spät kommt, kann sich darauf einstellen. Es kann entscheiden, dass ihm der Spaß die Strafe wert ist.
Aber wenn ein Kind nicht weiß, ob gar keine Reaktion, oder ein emotionaler Orkaneinbruch auf ihn wartet, kann es sich auf nichts einstellen. An einem Tag kann diese, an einem anderen eine völlig andere Reaktion kommen. Aber auch Leistungen des Kindes können mal groß gewürdigt und mal entnervt abgewunken werden.
Jederzeit, wegen dem kleinsten Vergehen, oder wegen etwas, das nichts mit einem zu tun hat, kann die Laune umkippen. Man weiß nie, ob einen Lob oder Vorwürfe erwarten, wenn man heimkommt, Friede oder Schimpfe.
Kinder, die so aufwachsen werden oft sehr erfinderisch und feinfühlig was das Erspüren der Launen der Eltern angeht - die Art und Weise, wie die Tür ins Schloß fällt, wie der Sessel knarrt beim drauf setzen - all das werden Zeichen, anhand derer man die Situation beurteilen kann. Da die Stimmung jederzeit umkippen kann, muss das Kind dauernd auf der Hut und auf dem Sprung sein - bereit die "richtigen" Reaktionen zu zeigen, wenn nötig.
So kann sich das Kind nie entspannen, und erlernt keine Sicherheit.


Erpressung


Der Täter erpresst das Opfer um etwas zu bekommen, was es will. So kann es drohen das Kind ins Heim zu stecken, oder alle Spielsachen wegzuwerfen. Partner drohen einen zu verlassen. Auch kann gedroht werden Geheimnisse weiter zu erzählen.
Es kann aber auch mit den Gefühlen der Angst, Schuld, Verantwortung etc "gespielt" werden, indem dem Kind vermittelt wird, wenn es nicht so ist, wie man es haben will, macht es sich schuldig oder zu einem schlechten, undankbaren, respektlosen (oder sonst was) Menschen. Sie können auch mit Krankheiten drohen ("wegen dir bekomme ich dann Migräne").
Die Drohungen geben über "normale" Erziehungsmaßnahmen hinaus, also nicht "wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, darfst du heute abend nicht mit dem PC spielen / darfst du nicht bei Anna übernachten" - sondern eher "wenn du dein Zimmer nicht aufräumst bekommt Papa einen neuen Herzinfarkt" oder: "wenn du dein Zimmer nicht aufräumst zeigt das wieder was für ein schlampiger respektloser bösartiger Mensch zu bist auf den man sich nicht verlassen kann. Ich werde all deine Spielsachen zusammenpacken und in den Müll werfen, Kindern, die es besser zu würdigen wissen als du!"


Lügen


Eine einfache und doch effektive Methode.
"Das hab ich nie gesagt". "Das haben wir nie ausgemacht". "Das war nicht so, das war anders.". "Das war ich nicht".
etc
Lügen sind häufig, und ein bisschen lügen schadet meist nicht.
Aber wenn durch Lügen die Erinnerungen, Wahrnehumgen des Kindes verneint werden, oder Abmachungen zunichte gemacht, indem einfach behauptet wird, es hätte nie welche gegeben, dann ist das schädlich.
So lernt das Kind, dass es keinen Einfluss hat, und dass es keine Gerechtigkeit oder Abmachungen gibt, sondern einfach der Stärkere bestimmt, was wahr ist.

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Gefühle und Wahrnehmungen "anfechten"


Das ist ein unglücklicher Titel, aber mir fällt gerade kein besserer ein.
Das ist ein großes Kapitel und vielleicht die gefährlichste Waffe des emotionalen Missbrauchers.
Gefühle, Wahrnehmungen des Kindes werden konsequent verneint / umgedreht / verboten / angefechtet.
- Umdeuten: Wenn das Kind zum Beispiel verletzt ist, wird ihm weißgemacht, dass es daher kommt, dass es so überempfindlich ist. Wenn das Kind wütend wird, sagt man ihm, dass es in wirklichkeit nur müde ist.
- Unterdrücken / Verbieten. Wenn das Kind weint, wenn es ausgeschumpfen wird es bestraft, z.B. noch geschlagen um "ihm einen Grund zum weinen zu geben". Wenn das Kind lacht, soll es aufhören, weil man Kopfweh bekommt wegen ihm und es ja "nichts zu lachen gibt".
- Nahelegen, dass seine Gefühle falsch sind: Wenn es traurig ist, ist es undankbar. Wenn es wütend ist, ist es respektlos. Wenn es ängstlich ist, ist peinlich. Wenn du dich daran noch erinnerst, bist du nachtragend und gemein. Wenn du verletzt bist, bist du überempfindlich.
- Gebieten: Das umgekehrte. Vom Kind wird verlangt, dass es jetzt fröhlich zu sein hat. Oder dass es bestimmte Dinge vergisst.
- "Verneinen": Dem Kind wird erklärt, dass es alles falsch interpretiert hat. "Das war nur Spaß" "Das darfst du nicht so persönlich nehmen"
Allgemein kann man sagen, dass einem beigebracht wird, dass die eigenen Gefühle und Wahrnehmungen nicht "angebracht" und nicht "richtig" sind. Ein Kind verlernt so auf seine Wahrnehmung zu vertrauen.
Wenn der Missbrauch ausgeprägt genug ist, ist das Kind nicht mehr in der Lage Situationen einzuschätzen und zu beurteilen. Es ist nicht mehr in der Lage ernst von Spaß, "gutes" und "schlechtes" zu unterscheiden. Es fällt ihm schwer einzuschätzen, welches Verhalten angebracht ist und welches nicht - da es nicht (mehr) in der Lage ist eine Situation zu bewerten, und angemessen darauf zu reagieren.
Im Grunde ist es so, als würde man es blind, taub, gefühlslos machen.
Viele können auch als Erwachsene Gefühle nur unzureichend wahrnehmen. Auch Leute, die sich dann mit dem Erwachsen werden nach außen hin zu freinfühligen Menschen entwickeln, die die Gefühle *anderer* gut erfühlen (ohnehin eine wichtige Fähigkeit eines emotional missbrauchen Kindes, um die Gefahr, die von den Eltern kommt besser einschätzen zu lernen) bleiben blind für ihre eigenen Gefühle und Wahrnehmungen.
Anstelle der Eltern tritt nun die eigene Stimme, die einem sagt "das bildest du dir nur ein" "du steigerst dich rein" "das ist alles anders als du denkst" "du bist schelcht und undankbar, wenn du so fühlst". Oder aber man ist schlichweg nicht mehr in der Lage die eigenen Gefühle/Empfinden wahrzunehmen und zu benennen, weil man so jung schon geübt hat sie zu ignorieren und gelernt hat, dass diese eh wertlos sind.

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